Mich mit etwas zu beschäftigen macht mir Freude. Ich schreibe gerne. Draußen, im Leben, komme ich gar nicht, oder viel zu wenig zu Wort. Mein Verhältnis zum Mitmenschen ist so, dass ich meist nicht anders kann, als der freundliche Zuhörer zu sein. Das wirkt auf mein Gegenüber sehr animierend und ja, ich finde mich dabei mitunter unterhalten.Beim Schreiben also höre ich mir geduldig selber zu. Beim Schreiben ziehe ich mir die Worte aus der Nase. Ich formuliere und reformuliere, ich korrigiere und rekorrigiere, ich kämpfe meistens richtig um das Wort; hier kann ich nun ganz Pedant sein.

Das Wortschatz-Portal der Universität Leibzig ist schon länger ein von mir bevorzugter Webdienst, wenn es darum geht, mir Klarheit oder Erleuchtung zu Rechtschreibfragen und Synonyme zu verschaffen. Ja, es stimmt schon, meine Schreibweisen sind darüber nicht viel korrekter geworden. Das Deutsch, das ich produziere ist eine Wüste aus Fehlern und der Vermischung von alter und neuer Rechtschreibung. Mein Festhalten Wollen an den älteren Regeln wird auch durch meine neue Textverarbeitung sabotiert, insbesondere dann, wenn ich mir über die alte Schreibweise im Unklaren bin.

Meine Wahrnehmung möchte ich hier einmal als selektiv und fokussiv bezeichen. Ja, fokussiv als Adjektiv scheint etwas ungewöhnlich, aber, es ist so. Da benutze ich über Monate das Eingabefeld einer linguistischen Webseite und blende einfach alles Andere darauf aus.

Während meiner beruflichen Tätigkeit in einem kleinen Team mit Frauen habe ich schmerzhaft akzeptieren lernen müssen, dass diese Fähigkeit zur Fokussierung der Aufmerksamkeit auch bedeutet, dass eben Manches einfach nicht bemerkt wird. Frauen, so lernte ich, scheinen nicht so fokussiv und so sehen sie mitunter eben auch das Andere; sehen so mitunter auch das Eigentliche nicht. Das jahrelange Tätigsein in diesem aufreibenden Spannungsfeld zwischen fokussiver und defokussiver Wahrnehmung habe ich übrigens inzwischen erfolgreich in dem Begriff des Traumawalzers verarbeitet. Ein anderes Mal darüber mehr.

Vielleicht hatte ich heute einen femininen Tag. Vielleicht war der Spiegel meiner androgenen Hormone heute etwas moderiert. Vielleicht ist es auch das fortgeschrittene Alter, das meinen Blick nun langsam etwas mehr Weite gönnt.

Ich sah auf das Wortschatzportal der Universität Leibzig, tippte da die Buchstaben des Wörtchens ‘bloss’ ein, führte die Maus zum Knöpfchen ‘Suche’, krümmte den Zeigefinger zum Druckpunkt und hörte und fühlte ein sanftes ‘Klick’ dazu.

Das Betriebssystem meines Computers heisst Suse Linux. Das bedeutet mir zu allererst, es ist kostenlos erhältlich; ein Umstand, der Hartz II Empfängern das Leben im Land der Digitalien deutlich erleichtert. Es gilt daneben auch als das wesentlich sichere System. Statt von zig Tausenden von Viren, Würmern, Trojanern und anderen Schädlingen geplagt zu sein, beschränkt sich die Anfälligkeit der robusten Konstitution des Linux auf ein überschaubares kleines Häufchen von Unbill.

Dieses Suse Linux sieht und fühlt sich an wie die Anderen auch. Die Unterschiede der Bedienung sind marginal. Wenn die Maus hier an einem Eingabeknöpfchen knappert, zeigt sie mir erst einmal die kleine Spieluhr; deren Stundenzeiger steht immer auf 6 und deren Minutenzeiger dreht sich wie wild im Zeitraffer. Das soll mir symbolisieren, ja doch, es passiert etwas.

Nach dem Abschicken des Wörtchens ‘bloss’ drehte sich der Minutenzeiger dieser Spieluhr innerhalb von 2 Sekunden drei mal im Kreis, dann hatte sich eine neue Seite auf dem Monitor aufgebaut.

In meiner Selektivität gewahrte ich hier sofort, dass ich mit meiner Schreibweise richtig lag. Die Blossheit hatte ich verwendet, es wird in meinem Sinne referenziert als bar, ledig, nackt und nur.

Die ca. zwei DIN A 4 Seiten umfassenden weiteren Informationen zu ‘bloss’ und ‘Bloss’, wie die Verwendungsbeispiele, die signifikanten Kookurrenzen, die Mehrwortkookurrenzen, die signifikanten linken Nachbarn, und Anderes blendete ich mir in meiner intelligenten Ignoranz als irrelevant aus.

Ich beschäftigte mich mit dem Text „Das Strahlenbündel des Nichts“, als ich erneut zu einem Zweifelsfall das Portal aufrief.

Die seit ein paar Tagen stattfindende Arbeit an diesem Text wird von mir als wohltuend empfunden. Endlich kann ich wieder konzentriert kreativ sein, endlich wieder an meinen Worten kauen, endlich kann ich wieder mit den Unzufriedenheiten darum kämpfen.

Dieser Kampf ist immer auch der Kampf um den Ausschluß der Ablenkung, so zu sagen, das Vertreiben der bösen Geister; hier wird auch aus psychologischer Sicht offenbar, was der Traumawalzer im Geiste so alles bedeutet.

Es war also nun ein böses feminines Moment das meine Fokussierung dieses Mal auf jenes grau unterlegte Textfeld mit der, mangels Kontrast, kaum sichtbaren Überschrift ‘Webservices’ schweifen ließ.

„Mit den Webservices ist ein direkter Zugriff auf die Daten des Projektes Deutscher Wortschatz aus einer beliebigen Software heraus möglich.“ … las ich nun da und dachte, ja, dass interessiert dich.

Ich klickte auf das Pictogram der Seife mit der Aufschrift ’soap’ … Technik ist mir häufiger eine Verführerin. Ich dachte an ein wenig Spiel mit meinem Webserver Apache und der Programmiersprache Perl, als ich von CPan das Archiv Lingua-DE-Wortschatz-1.23.tar.gz herunter lud, es entpackte und sein README las …

Jedoch, schon bei der Eingabe des Befehls ‘perl Build.PL’ in der Konsole trat dann eine Fehlermeldung auf … Can’t locate Module/Build.pm …

Eine Suche nach dem scheinbar fehlenden Modul bei CPAN ließ mich auch das DocSet-0.19 herunterladen. Das Überfliegen seines README sprach mir, es geht nicht so mal eben und … deine eigentliches Motiv ist ja das Schreiben; also hier wieder Schluß damit.

Jedoch, die Teufelin der ablenkenden Ausschweifung war mir damit noch nicht entlassen. Auch die anderen grau unterlegten Textfelder des Portals mit den versteckten Titeln wollten nun gelesen sein.

„Wörter des Tages“, so wurde mir die Überschrift erkennbar, als ich den Mauspfeil darüber führte.

„Die tagesaktuellen Begriffe. Ausgewählt aus Tageszeitungen und Newsdiensten. Täglich um 7 Uhr früh.“ So las ich da.

Der Tastendruck der Maus auf die Linkgrafik darunter führte mich auf eine unscheinbar und funktionell wirkende Seite voller Begriffe und Kategorien.

Sport, Politik, Organisation, Ereignis, Schlagwort … Der Klick auf den Begriff Hartz zeigte mir eine neue Seite.

Ich sah darauf 75 Sätze darin das Wort Hartz vorkommt. Jedes mal war dem Wörtchen Harz ein Link unterlegt.

Hartz IV sei eine „Lebenslüge“, sagte SPD-Fraktionsvizechef Stefan Hilsberg dem „Tagesspiegel“. Der Link dieses Hartz führte mich zu einem Artikel des ‘Spiegel’. „SPD streitet über Schröders Schuld an neuer Armut“, so war dieser betitelt.

„Hartz IV hat beispielsweise dazu geführt, dass es keine sachbezogenen Zuwendungen für Bedürftige mehr gibt.“ Der Link dieses Hartz führte mich zu einem Artikel der ‘Welt’ mit der Überschrift „Wir müssen auch diese Menschen mitnehmen“.

Das ist ja fantastisch, dachte ich. Das sprengt mein Rezeptionsverhalten völlig. Hier kann ich themenspezifisch auf duzende von Onlinemedien zugreifen; das ist ja fast unglaublich, irre toll! Jeden Tag Auschweifung am Großbalett lingualerotischer Attraktionen.

Nun, ja, nun ja, nun ja, … aber lassen wir das jetzt … fürs Erste wieder mal … zurück zu deinem Text … nein, jetzt habe ich doch verflixt kalte Füße.

DLF Wortreich auch im hohen Alter von Kristin Raabe

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