Kleine Fische und das Heil der Welt
November 28, 2006
Sardinen. Hin und wieder öffne ich eine dieser kleinen und gewichtigen Dosen. Seit ein paar Jahren schon wundert es mich, wie es die verarbeitende Industrie schafft, diese Fischchen so ganz und gar säuberlich ihres Schuppenkleids zu entledigen. Meine Vermutung dazu war, dass da vielleicht mit einem Enzymbad gearbeitet würde. Es gibt ja sehr viele Enzymen, die in der Lebensmittelindustrie für alles Mögliche eingesetzt werden. Nun kam mir dabei an diesem Tag auch einmal wieder Yahoo! Clever in den Sinn. Warum schwimmen die Sardinen nun nackt in der Dose? So stellte ich dort meine Frage in das Forum. Ja, ich neige nun einmal dazu, in meiner Wortwahl nicht allzu langweilig zu klingen. Wenn du schon einmal hier bist, so dachte es mich da, dann kannst du gleich auch noch ein bisschen die Welt Infrage stellen. Warum betreiben die mächtigen Staaten der Welt immer nur ihre Interessenpolitik und nicht eine brüderliche Politik der Problemlösungen innerhalb einer Weltgemeinschaft, eine Politik in der alle Teilnehmer die Gewinner sind? Innerhalb weniger Stunden gingen ein Duzend Antwortmeldungen in meinem Postfach ein. So schrieb die inspirierte Gini: Ihre Haut ziehen sie sich alleine aus, weil es in dem Gedränge einfach zu warm wird, außerdem lieben Sardinen den Körperkontakt. Technotanzen2000 schrieb sinnig belebt: Die Sardinenbüchse ist der moderne Schwingerklub für Fische, deshalb der enge Körperkontakt und die nackten Fischchen. Hier nun fand ich mich ein wenig überrascht, ich hatte tatsächlich nicht damit gerechnet, dass mir auf meine Frage mit solch luftigem Humor begegnet würde. Auf diese Ebene katapultiert, empfand ich auf einmal die Diskrepanz zwischen der Frage nach den kleinen nackten Fischchen und dem Infragestellen der Weltpolitik. Wie kannst du nur beides quasi in einem Atemzug denken? Fragte es mich. Eine Dose nackter Sardinen und das Heil der Welt. Da lautete die Antwort von Elbnixe45: Weil man sie lässt. Und Laurin schrieb: Weil sie letztlich von Menschen geführt werden und was uns im Kleinen schon schwer fällt, wird im Großen fast unmöglich. Auch zur ersten Frage hatte er mir eine Antwort, sie lautete: Die rechnen nicht damit das du ihnen Plötzlich das Dach über dem Kopf abziehst und sie dann alle nackt vor dir liegen … würdest du vorher anklopfen, würden sie sich selbstverständlich etwas anziehen. Ich war baff. Wunderbar, dachte ich, da ist nun so ein neuer kleiner Witz geboren, es freute mich. Und Malerba schließlich klärte mich auf: Die Haut wird entweder mittels Handarbeit (bei Eigenproduktion) oder maschinell abgezogen. Was also hat der kleine Fisch mit der Weltpolitik tun? Dachte es mich da wieder. Liegt es vielleicht in einem noch tieferen Geheimnis des Fischsymbols der alten und noch wahren Christen? Und ja, siehst du, so hast du ein Wenig das Wissen, den Humor, das Christsein, das Heil der Welt und den Absatz der Sardinendosen befördert.
Geist und Materie
Oktober 24, 2006
Zitat Kuder: Sich ins Materielle zu verlieben, oder es als absolute Wahrheit zu definieren, bedeutet also in letzter Konsequenz, dem Irrtum, oder „Satan“ zu verfallen.
Ja Kuder, das klingt mir nachvollziehbar. Wobei ich einen gleichartigen Gedanken schon hinsichtlich der wissenschaftlich-technischen Zivilisation hege. Hier hat sich mir die Menschheit in die materielle Schöpfung verliebt oder vielleicht auch in sie hinein verkrochen … aus Angst vor dem Erkennen ihrer viel mächtigeren wahren geistigen Natur.
Universell betrachtet ist diese Zielrichtung unserer Zivilisation oder Memesis, vielleicht auch als ein gewaltiger kollektiver karmischer Verdrängungsprozess zu erkennen.
Bedenke nur, mit welcher Vehemenz und Zwanghaftigkeit im Materiellen geforscht, produziert, konsumiert und bereichert wird; welche Panik in der Gesellschaft aufkommt, angesichts der Situation, nun nicht mehr genug Produktionsplätze für die Menschen zur Verfügung zu haben.
Natürlich ist den Regierenden klar, dass eine hohe Arbeitslosigkeit auch dazu führt, dass die Menschen anfangen zu denken, d.h. dass sie anfangen sich ihrer wahreren Natur bewußt zu werden und als geistige Wesen erwachen; als solche stellen sie nun fest, das ihr Leben nichts als ein lumpiger materieller Scherbenhaufen ist.
Das ist neben der atomaren Bedrohung vielleicht die größte Gefahr und Krise unserer Zivilisation überhaupt, dass die Menschen plötzlich zur Besinnung kommen könnten. Bei so Vielen gibt es ausser dem Produktivsein für den Lebensunterhalt und den Konsum, keinen tragfähigen Sinn im Leben … keine geistige Orientierung die sie vor dem Absturz bewahrt.
Natürlich schreit eine geistig so unbefestigte Gesellschaft nach ihren Verführern.
Ich rekapituliere … unser säkular aufgestellter Staat sieht seinen Lebenssinn und seine Existenzfähigkeit in der Hauptsache in der immerzu wachsenden industriellen Produktions- und Konsumgesellschaft.
Die geistige und religiöse Orientierung verfällt rapide. Der Mensch wird von den Medien in einer Wolke rationalistischer, intellektueller Konditionierung gehalten und darin je nach den Bedürfnissen der Machthabenden neutralisiert oder zielgerichtet manipuliert; gleichzeitig formt sich die Industrie den Menschen mit ihrer Werbepropaganda zum immer hippen Lifestylekonsumenten.
Diese Situation ist schon bedrohlich, wenn wir uns die Dynamiken vorstellen, die aufbrechen, wenn dieser gewaltige kollektive karmische Verdrängungszug ausgebremst wird oder gar zum Stehen kommt.
Die, die darin die Vorreiter waren, die die sich darauf am meisten eingelassen haben, wird es wohl auch am härtesten treffen.
Das Arbeiten, das Produktivsein ist nicht mehr möglich; das Konsumieren ist nicht mehr möglich; das alimentierte Leben auf niedrigstem Niveau ist vielleicht noch möglich.
Eine Zukunftsvision angesichts der anstehenden katastrophalen Problem zu skizzieren wäre wohl angebracht; ich versuche es hier einmal in aller Naivität.
Zurück zum einfachen Leben; die Besinnung auf die geistigen Werte des Lebens; die völlige Umstrukturierung des Wertesystems Deutschland und Europa hin zu einer nachhaltig wirtschaftenden humanistischen Kulturstaatengemeinschaft der Grundversorgung … um noch ein wenig mit den Wortködern zu angel … das postmaterialistische Leben im Zeitalter des Wassermann; ein großer Schritt hin zum Reich Gottes.
Die drohende Alternative sieht mir so aus. Die Menschheit hat sich in einem gewaltigen, über Jahrhunderte währenden Verdrängungsprozeß ganz tief in das Materielle verbissen. Aus unseren gescheiterten zwanghaften Liebesverhältnissen kennen wir das. Da sprengt sich solches ineinander Verbissensein immer in einer schmerzhaften Explosion der Gefühle.
Wir wissen, welche Energien darauf warten, unser zwanghaftes Liebesverhältnis zur Materie zu beenden.
Wir sind Unterschicht und Präkariat!
Oktober 22, 2006
Ein paar Gedanken hier zu den in den letzten Tagen im kollektiven Bewußtsein geführten Diskussionen um die erschreckend große neue deutsche Unterschicht und ihren mangelnden Willen zum sozialen Aufstieg. Konotation: Aber bitte sprechen wir doch lieber nicht von Unterschicht sondern von Präkariat oder sonst Etwas.
Hier sei einmal Abgesehen von der Kontroverse darum, ob diese Unterschicht nun überhaupt eine Chance hat, sozial aufzusteigen.
Wohl aber will ich diesen sozialen Aufstieg etwas definieren. So halte ich es für konsensfähig, ihn als eine gesellschaftliche Position zu beschreiben, in der der Mensch in würde einer Arbeit nachgehen kann; einer Arbeit, die es ihm ermöglicht, von dem Einkommen seinen Lebensunterthalt zu bestreiten. Das heißt wiederum, er kann sich eine Wohnung leisten und darin eine Familie mit Kindern unterhalten und in einem gewissen Maße kulturell Anteil an dem gesellschaftlichen Leben nehmen. So haben seine Kinder die Möglichkeit einen Kindergarten zu besuchen, einen Schulabschluß zu erreichen und eine ihren Fähigkeit und Interessen entsprechende Berufsausbildung zu absolvieren; sie haben die Aussicht darauf mit diesem Beruf ihr Leben selbst zu bestellen.
Diese konsensfähige soziale Position ist schon ein hoch komplexes Gebilde. Es ist dies wie eine Nabelschnur der Menschheit, diese seit Jahrtausenden währende Kette aus Arbeit, Wohnung, Familie, Kinder, Schulung, Beruf und Arbeit.
Die Familie galt im kollektiven Bewußtsein bis vor ein paar Jahren einmal als der zentrale Pfeiler der Gesellschaft.
Ich meine, das hat sich heute geändert; das kollektive Bewußtsein hat nun den Arbeitsplatz an eine zentrale Stelle gehoben; die Politiker sagen heute, die Wirtschaft ist das Wichtigste; sie sagen, nur wenn es der Wirtschaft gut geht, schafft sie uns die Arbeitsplätze und so die Grundlagen zum Erhalt der Familie und des Staates.
Diese Werteverschiebung zur Marktwirtschaft hat dazu geführt, dass die Familie nun reduziert wurde auf den produktiven Menschen. Das heißt, um die höherwertigen Erfordernisse der Wirtschaft zu erfüllen, muß dieser Mensch nun vor allem flexibel sein, so flexibel, dass er sogar davon Abstand nimmt, von dem Einkommen seiner Arbeit leben zu können, von dem Einkommen die Bedürfnisse eine Familie befriedigen zu können.
Der produktive Mensch ist nun ein Wirtschaftsfaktor der Kosten verursacht. In fernen Ländern ist dieser Wirtschaftsfaktor billiger zu haben. Die Wirtschaft kauft sich diese billigere Produktivität. Sie geht mit ihren Produktionsstätten in diese Länder oder läßt dort produzieren.
Die Marktwirtschaft unterliegt ihren eigenen systemischen Gesetzen, als da sind die Wettbewerbsfähigkeit, die Gewinnmaximierung, die Eroberung von Märkten. Die Wirtschaft zahlt hier bei uns kaum noch Steuern, die Firmen sind heute so geschickt aufgestellt, dass sie Steuerzahlungen nahezu vollständig vermeiden können. Der Staat unterhält seine Kosten aus der Besteuerung der Arbeitnehmer; keine Arbeitnehmer, keine Steuern.
Der im so genannten neoliberalen Denken aufgestellte Staat ist also ein Staat, der vor allem mit seinen Produktivkräften handelt. Das heißt, um der Wirtschaft ein Angebot zu machen, dass sie nicht ausschlagen kann, muß der produktive Mensch in seinem Land zu maximaler Flexibilität und Leistung verpflichtet werden. Der Staat steht in der Konkurrenz mit China, er steht in Konkurrenz mit dem Rest der Welt. Vor allem Produktivkräfte die keine besonderen Fähigkeiten und Ausbildungen benötigen werden in den Billiglohnländern eingekauft. So werden elektronische Geräte in China von Frauen mit einem Monatslohn von 50 Dollar gefertigt. Sie arbeiten dabei mindestens 60 Stunden in der Woche und wenn es die Auftragslage erfordert auch an 7 Tagen; sie schlafen in großen Sälen mit 100 Betten, sie leben in einem bewachten und umzäunten Industrieareal für 200 000 Arbeitskräfte. Das ist das Agieren der freien Weltwirtschaft in einem neoliberal aufgestellten autoritären Staat. Telepolis Strammstehen für den iPod
Der Mensch ist nicht für die Arbeit da, die Arbeit ist für den Menschen da. Und … Wettbewerb einmal sportlich betrachtet, war schon immer der faire Wettbewerb zwischen gleichen Gegnern; so im Boxkampf das Schwergewicht gegen das Schwergewicht. Das Handeln der Wirtschaft ist so gesehen nichts anderes als die Ausbeutung des Menschen bis auf sein Blut. Ein Staat, der sich der Wirtschaft andient, wird so zwangsläufig zum autoritären Unterdrücker seiner Menschen.
Es ist glaube ich klar geworden, das unser Staat die grundlegenden Bedürfnisse des Menschen aus den Augen verloren hat. Wer nicht hoch spezialisiert ist hat heute kaum noch eine Chance auf einen nicht staatlich substituierten Lebensunterhalt. Die, die Arbeit haben, werden in immer unmenschlichere Leistungsspiralen gepresst. Die Arbeit schenkt keine Befriedigung, keine Erfüllung mehr, sie wird oft nur noch als übelste Maloche empfunden, aus der die Minderleister rasch herausfliegen.
Unser ehemals als Soziale Marktwirtschaft platzierter Staat scheut noch davor zurück all die Überflüssigen auf die Strasse zum Betteln zu schicken. Jedoch, die ihm nur Kosten verursachenden Langzeitarbeitslosen kann er nicht in Ruhe lassen. Um die übermäßig angespannte Produktivität der arbeitenden Bevölkerung nicht abschlaffen zu lassen, wird das Schicksal des Arbeitslosen so hart als irgend gerade noch statthaft gestaltet; er wird entrechtet und entmündigt zu Frondiensten verurteilt und als ein im Grunde nur fauler Sozialbetrüger stigmatisiert; als einer, der nur keine Lust dazu hat seinen sozialen Aufstieg in die Hand zu nehmen.
Für mich hat solch eine Staatspositionierung die Legitimität verloren. Für mich hat solche Politik keine Vision, sie erscheint mir als inhuman, dumm, fantasie- und orientierungslos; ihr gegenwärtiges Bild in der Öffentlichkeit entspricht dem voll und ganz. Solche Politik hat meine Loyalität verwirkt. Für mich betreibt solche Politik den Ausverkauf der humanistischen Werte, sie ist der proaktive Götzendienst an Kapital und Marktwirtschaft; das biblische Schicksal dazu ist uns prophezeit.
Bitte weiterlesen! Im Blog Speybridge finden sich noch sehr genuine Gedanken zu diesem Thema.
Lingualerotische Obszessionen
Oktober 22, 2006
Mich mit etwas zu beschäftigen macht mir Freude. Ich schreibe gerne. Draußen, im Leben, komme ich gar nicht, oder viel zu wenig zu Wort. Mein Verhältnis zum Mitmenschen ist so, dass ich meist nicht anders kann, als der freundliche Zuhörer zu sein. Das wirkt auf mein Gegenüber sehr animierend und ja, ich finde mich dabei mitunter unterhalten.Beim Schreiben also höre ich mir geduldig selber zu. Beim Schreiben ziehe ich mir die Worte aus der Nase. Ich formuliere und reformuliere, ich korrigiere und rekorrigiere, ich kämpfe meistens richtig um das Wort; hier kann ich nun ganz Pedant sein.
Das Wortschatz-Portal der Universität Leibzig ist schon länger ein von mir bevorzugter Webdienst, wenn es darum geht, mir Klarheit oder Erleuchtung zu Rechtschreibfragen und Synonyme zu verschaffen. Ja, es stimmt schon, meine Schreibweisen sind darüber nicht viel korrekter geworden. Das Deutsch, das ich produziere ist eine Wüste aus Fehlern und der Vermischung von alter und neuer Rechtschreibung. Mein Festhalten Wollen an den älteren Regeln wird auch durch meine neue Textverarbeitung sabotiert, insbesondere dann, wenn ich mir über die alte Schreibweise im Unklaren bin.
Meine Wahrnehmung möchte ich hier einmal als selektiv und fokussiv bezeichen. Ja, fokussiv als Adjektiv scheint etwas ungewöhnlich, aber, es ist so. Da benutze ich über Monate das Eingabefeld einer linguistischen Webseite und blende einfach alles Andere darauf aus.
Während meiner beruflichen Tätigkeit in einem kleinen Team mit Frauen habe ich schmerzhaft akzeptieren lernen müssen, dass diese Fähigkeit zur Fokussierung der Aufmerksamkeit auch bedeutet, dass eben Manches einfach nicht bemerkt wird. Frauen, so lernte ich, scheinen nicht so fokussiv und so sehen sie mitunter eben auch das Andere; sehen so mitunter auch das Eigentliche nicht. Das jahrelange Tätigsein in diesem aufreibenden Spannungsfeld zwischen fokussiver und defokussiver Wahrnehmung habe ich übrigens inzwischen erfolgreich in dem Begriff des Traumawalzers verarbeitet. Ein anderes Mal darüber mehr.
Vielleicht hatte ich heute einen femininen Tag. Vielleicht war der Spiegel meiner androgenen Hormone heute etwas moderiert. Vielleicht ist es auch das fortgeschrittene Alter, das meinen Blick nun langsam etwas mehr Weite gönnt.
Ich sah auf das Wortschatzportal der Universität Leibzig, tippte da die Buchstaben des Wörtchens ‘bloss’ ein, führte die Maus zum Knöpfchen ‘Suche’, krümmte den Zeigefinger zum Druckpunkt und hörte und fühlte ein sanftes ‘Klick’ dazu.
Das Betriebssystem meines Computers heisst Suse Linux. Das bedeutet mir zu allererst, es ist kostenlos erhältlich; ein Umstand, der Hartz II Empfängern das Leben im Land der Digitalien deutlich erleichtert. Es gilt daneben auch als das wesentlich sichere System. Statt von zig Tausenden von Viren, Würmern, Trojanern und anderen Schädlingen geplagt zu sein, beschränkt sich die Anfälligkeit der robusten Konstitution des Linux auf ein überschaubares kleines Häufchen von Unbill.
Dieses Suse Linux sieht und fühlt sich an wie die Anderen auch. Die Unterschiede der Bedienung sind marginal. Wenn die Maus hier an einem Eingabeknöpfchen knappert, zeigt sie mir erst einmal die kleine Spieluhr; deren Stundenzeiger steht immer auf 6 und deren Minutenzeiger dreht sich wie wild im Zeitraffer. Das soll mir symbolisieren, ja doch, es passiert etwas.
Nach dem Abschicken des Wörtchens ‘bloss’ drehte sich der Minutenzeiger dieser Spieluhr innerhalb von 2 Sekunden drei mal im Kreis, dann hatte sich eine neue Seite auf dem Monitor aufgebaut.
In meiner Selektivität gewahrte ich hier sofort, dass ich mit meiner Schreibweise richtig lag. Die Blossheit hatte ich verwendet, es wird in meinem Sinne referenziert als bar, ledig, nackt und nur.
Die ca. zwei DIN A 4 Seiten umfassenden weiteren Informationen zu ‘bloss’ und ‘Bloss’, wie die Verwendungsbeispiele, die signifikanten Kookurrenzen, die Mehrwortkookurrenzen, die signifikanten linken Nachbarn, und Anderes blendete ich mir in meiner intelligenten Ignoranz als irrelevant aus.
Ich beschäftigte mich mit dem Text „Das Strahlenbündel des Nichts“, als ich erneut zu einem Zweifelsfall das Portal aufrief.
Die seit ein paar Tagen stattfindende Arbeit an diesem Text wird von mir als wohltuend empfunden. Endlich kann ich wieder konzentriert kreativ sein, endlich wieder an meinen Worten kauen, endlich kann ich wieder mit den Unzufriedenheiten darum kämpfen.
Dieser Kampf ist immer auch der Kampf um den Ausschluß der Ablenkung, so zu sagen, das Vertreiben der bösen Geister; hier wird auch aus psychologischer Sicht offenbar, was der Traumawalzer im Geiste so alles bedeutet.
Es war also nun ein böses feminines Moment das meine Fokussierung dieses Mal auf jenes grau unterlegte Textfeld mit der, mangels Kontrast, kaum sichtbaren Überschrift ‘Webservices’ schweifen ließ.
„Mit den Webservices ist ein direkter Zugriff auf die Daten des Projektes Deutscher Wortschatz aus einer beliebigen Software heraus möglich.“ … las ich nun da und dachte, ja, dass interessiert dich.
Ich klickte auf das Pictogram der Seife mit der Aufschrift ’soap’ … Technik ist mir häufiger eine Verführerin. Ich dachte an ein wenig Spiel mit meinem Webserver Apache und der Programmiersprache Perl, als ich von CPan das Archiv Lingua-DE-Wortschatz-1.23.tar.gz herunter lud, es entpackte und sein README las …
Jedoch, schon bei der Eingabe des Befehls ‘perl Build.PL’ in der Konsole trat dann eine Fehlermeldung auf … Can’t locate Module/Build.pm …
Eine Suche nach dem scheinbar fehlenden Modul bei CPAN ließ mich auch das DocSet-0.19 herunterladen. Das Überfliegen seines README sprach mir, es geht nicht so mal eben und … deine eigentliches Motiv ist ja das Schreiben; also hier wieder Schluß damit.
Jedoch, die Teufelin der ablenkenden Ausschweifung war mir damit noch nicht entlassen. Auch die anderen grau unterlegten Textfelder des Portals mit den versteckten Titeln wollten nun gelesen sein.
„Wörter des Tages“, so wurde mir die Überschrift erkennbar, als ich den Mauspfeil darüber führte.
„Die tagesaktuellen Begriffe. Ausgewählt aus Tageszeitungen und Newsdiensten. Täglich um 7 Uhr früh.“ So las ich da.
Der Tastendruck der Maus auf die Linkgrafik darunter führte mich auf eine unscheinbar und funktionell wirkende Seite voller Begriffe und Kategorien.
Sport, Politik, Organisation, Ereignis, Schlagwort … Der Klick auf den Begriff Hartz zeigte mir eine neue Seite.
Ich sah darauf 75 Sätze darin das Wort Hartz vorkommt. Jedes mal war dem Wörtchen Harz ein Link unterlegt.
Hartz IV sei eine „Lebenslüge“, sagte SPD-Fraktionsvizechef Stefan Hilsberg dem „Tagesspiegel“. Der Link dieses Hartz führte mich zu einem Artikel des ‘Spiegel’. „SPD streitet über Schröders Schuld an neuer Armut“, so war dieser betitelt.
„Hartz IV hat beispielsweise dazu geführt, dass es keine sachbezogenen Zuwendungen für Bedürftige mehr gibt.“ Der Link dieses Hartz führte mich zu einem Artikel der ‘Welt’ mit der Überschrift „Wir müssen auch diese Menschen mitnehmen“.
Das ist ja fantastisch, dachte ich. Das sprengt mein Rezeptionsverhalten völlig. Hier kann ich themenspezifisch auf duzende von Onlinemedien zugreifen; das ist ja fast unglaublich, irre toll! Jeden Tag Auschweifung am Großbalett lingualerotischer Attraktionen.
Nun, ja, nun ja, nun ja, … aber lassen wir das jetzt … fürs Erste wieder mal … zurück zu deinem Text … nein, jetzt habe ich doch verflixt kalte Füße.
DLF Wortreich auch im hohen Alter von Kristin Raabe