Die Katastrophen der Weltgeschichte
März 16, 2009
Epi: Die Katastrophen der Weltgeschichte – wie die im Leben einer Person – beruhen auf der Dynamik des Seelischen … vor allem, auf einer Dynamik infolge der Ignoranz des Seelischen.
C.G. Jung: Symbole der Wandlung S.104, Walter Band 5 … Je erfolgreicher das Ein- und vordringen des neuen wissenschaftlichen Geistes sich gestaltete, desto mehr wurde letzterer – wie es dem Sieger immer zu gehen pflegt – der Gefangene jener Welt, die er sich erobert hatte.
Im Anfang dieses Jahrhunderts noch konnte ein christlicher Autor den modernen Geist sozusagen als eine zweite Inkarnation des Logos auffassen. „Das tiefere Erfassen der Naturbeseelung in der modernen Malerei und Dichtung“, sagt Kalthoff, „die lebendige Intuition, deren auch die Wissenschaft bei ihren strengsten Arbeiten nicht länger entraten will, läßt leicht erkennen, wie der Logos der griechischen Philosophie, der dem alten Christustypus seine Weltenstellung anwies, seines Jenseitscharakters entkleidet, eine neue Fleischwerdung feiert.“*
Es ging ja nicht lange, bis man erkennen mußte, dass es sich weniger um eine Fleischwerdung des Logos, als vielmehr um den Absturz des Antropos respektive Nous in die Physis handelt. Die Welt war nicht nur entgöttert, sondern auch entseelt.
Durch die Verlagerung des Interessenschwerpunktes aus der Innenwelt in die Außenwelt hat die Naturerkenntnis im Vergleich zu früher unendlich zugenommen, aber Erkenntnis und Erfahrung der Innenwelt haben sich entsprechend vermindert.
Das religiöse Interesse, welches normalerweise das stärkste und deshalb das entscheidende sein sollte, hat sich von der Innenwelt abgewendet und die Gestalten des Dogmas bilden in unserer Welt fremde und unverständliche Überbleibsel, jeglicher Art von Kritik ausgeliefert.
Selbst die moderne Psychologie hat größte Mühe, der menschlichen Seele ein Existenzrecht zu vindizieren und es glaubhaft zu machen, daß die Seele eine Seinsform mit erforschbaren Eigenschaften ist und daher Gegenstand einer Erfahrungswissenschaft sein kann; daß sie nicht nur an einem Äußeren hängt, sondern auch ein autonomes Innen besitzt, und dass sie nicht nur ein Ichbewußtsein, sondern eine im wesentlichen nur indirekt erschließbare Existenz darstellt.
Einer solchen Einstellung erscheint der Mythus, das ist das kirchliche Dogma, als eine Sammlung absurder, weil unmöglicher Aussagen. Der moderne Rationalismus ist aufklärerisch und tut sich auf seine ikonoklastischen Tendenzen sogar moralisch etwas zugute. Man begnügt sich im allgemeinen mit der wenig intelligenten Auffassung, daß die Aussage des Dogmas eine konkrete Unmöglichkeit beabsichtige. Daß sie aber symbolischer Ausdruck eines bestimmten Indeengehaltes sein könnte, das kommt kaum jemandem bei. Man wüsste ja nicht so ohne weiteres anzugeben, worin diese Idee bestünde. Und was „Ich“ nicht weiß, dass existiert einfach nicht. Darum gibt es für diese aufgeklärte Dummheit auch kein nichtbewußtes Psychisches. ….
* Kalkhoff: Die Entstehung des Christentums, p.154